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DAUERBRENNER „Kontaminierte Kabinenluft“

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DAUERBRENNER „Kontaminierte Kabinenluft“ mit der Folge von giftigen DAUERSCHÄDEN

Schadstoffkonzentrationen (z.b.: Pestizide & Organophosphate) an Bord von Flugzeugen führen bereits seit Jahrzehnten zur schleichenden Gesundheitsgefahr für Vielflieger und insbesondere für das fliegende Personal. Es bleiben dennoch wesentliche Fragen unbeantwortet:

1.) Welche Chance gibt man den Crewmitgliedern und Vielfliegern auf anhaltende Beschwerdefreiheit?
2.) Wie wird mit dem Personal und den Passagieren seitens der Fluggesellschaften in Punkto Fürsorgepflicht umgegangen?
3.) Welchen Grund, außer Profitgier, können die Airlines haben, um sich nicht mit adäquaten Hilfsmaßnahmen zu beschäftigen, den Ernst der Lage zu erkennen und ihre Kunden und Mitarbeiter zu schützen?

Solange die Fluggesellschaften vermutlich darauf hoffen, dass die Thematik der Vergiftungsvorfälle irgendwann an Brisanz verliert, kann davon ausgegangen werden, dass die weltweite Aufklärungsarbeit und Dramatik im Wesentlichen eher ansteigen wird.

Die Zahl der fluguntauglichen Mitarbeiter und vergifteten Passagiere steigt von Tag zu Tag und die Folgeschäden ebenfalls.  Daher sind die Gewerkschaften, die Flugzeugindustrie  und jeder Einzelne gefragt.

Es gibt viel zu tun, um für seriöse Aufklärung, Gefahrminimierung, Menschenschutz und Präventionsmaßnahmen zu sorgen. 

Am 13. März 2010 veranstaltete die Selbsthilfegruppe für Chemikaliengeschädigte das 14. Frankfurter Kolloquium „Krank durch Schadstoffe - Erkennen - Messen - Vermeiden“. Das abwechslungsreiche Programm wurde unter Anderem auch von Cockpitpersonal und bereits erkrankten Flugbegleitern, verschiedener Airlines, positiv aufgenommen.
Der Vortrag „Mechanismen toxischer Kombinationswirkungen von Chemikalien“, von Frau Prof. Dr. Irene Witte (Additive und synergistische Effekte von Schadstoffen - auch physikalischer Herkunft), machte insbesondere deutlich, dass gerade die Multiplikationseffekte der vielen im Flugbetrieb vorkommenden Schadstoffe eine besondere Gefahr darstellen.

Ich referierte über das Thema „TCP, Pestizide und Mehr - Vorsicht Gesundheitsgefahr - Belastetes Flugpersonal und Passagiere“. Dabei war es mir wichitg, die Schädlichkeit der Stoffe (Pestizide & Organophosphate (TCP & Additive) herauszustellen und den Skandal hervorzuheben, der seit Jahrzehnten von den Airlines und Behörden, zum Schaden der vielen Passagieren und Crewmitglieder (Vergiftungserkrankten) einfach verharmlost und verschwiegen wird.

Spannend wurde es ebenfalls, als der Gutachter J. Fonfara darüber berichtete, wie er Ende der 90 `er Jahre im Auftrag der Staatsanwalt Frankfurt (Ermittlungen zu Pestiziden in Flugzeugen 1997/98  - Landgericht FRA/Main - AZ IV/2/D/5.1.1),  an Bord einer von Staatsanwalt Erich Schöndorf beschlagnahmten Maschine, Schadstoffproben entnahm und hierbei enorme Schadstoffkonzentrationen (überwiegend Pestizide) nachweisen konnte.

Da die Ermittlungen kurze Zeit nach diesem Ereignis eingestellt wurden, fand das hierzu von  Prof. Dr. med. Helmut Müller-Mohnssen (ehemals GSF-Forschungsinstitut München) erstellte Gutachten und die mit Flugbegleitern (die nachweislich an einer Pestizidvergiftung erkrankt waren) durchgeführte Studie, mit den beweisführenden Auswertungen, keinerlei öffentliches Interesse und Gehör.

Zur Vollständigkeit hier ein Auszug des Gutachtens zum Ermittlungskomplex DLH - Prof. Dr. H. Müller-Mohnssen:

- Die Permethrin-Rückstände im untersuchten Airbus liegen mit maximal 690 mg/kg Kabinen-Staub in diesem oberen Bereich. Die Diskussion des Resultates auf der Basis toxikologischer Daten führt zu dem Ergebnis, dass die Pyrethroid-Exposition des fliegenden Personals Ursache der manifesten Erkrankung der mir bekannten Personen ist.
- Es handelt sich bei der Erkrankung um eine chronische Pyrethroid-Intoxikation.
- Die Höhe der durch die Insektenbekämpfung in den Passagier-Flugzeugen der DLH bedingten Exposition liegt innerhalb des für den Menschen schädlichen Bereiches. Daher gilt die Feststellung, dass die Exposition in den Flugzeugen gesundheitsgefährdend ist, generell. Dadurch wird die Aussage der Probanden verständlich, dass auf Langstrecken jeweils etwa 2 bis 4 Kollegen einer Crew von 16 bis 18 Personen (im Mittel 17%) an ähnlichen Krankheitserscheinungen leiden.
- Nach grober Abschätzung ist also damit zu rechnen, dass etwa 1.700 der 10.000 planmässigen Angehörigen des fliegenden Personals, aller deutschen Fluggesellschaften, bereits an einer Intoxikation erkrankt sind.
- Die Anzahl Betroffener wird sich ausweiten, falls die bisher geübte Insektenbekämpfung fortgesetzt werden sollte.
- Langzeitpyrethroide persistieren, auch wenn noch keine oder keine Insekten mehr vorhanden sind. Stattdessen bleiben Passagiere und Crew den desorbierenden Mittelrückständen ausgesetzt.

Die Stoffe befinden sich:   
a. im Flugzeug: Textilien, Sitzpolster, Kunststoffmaterial in der Sitzumgebung (Sitz- und Fensterverkleidung, Toiletten usw),
b. in der Kleidung der Fluzeuginsassen. Pyrethroide gehen direkt in die Kleidung über. Unter den Komponenten der beruflichen Belastung sind hervorzuheben:
1. Die psychophysische Beanspruchung durch Temperatursprung, Schlafdefizit, Zeitverschiebung, Verlust der sozialen Kontakte und andere Stress-Bedingungen,
2. Kosmische Strahlung,
3. Insektizid-Exposition in Hotels,
4. Insektizidexposition im Flugzeug.

Wenn man bedenkt, dass man diesen oben zitierten Kenntnisstand bereits 1996 hatte und die Erkrankungsauslöser (Gifte an Bord) nach wie vor in den Körpern von Flugpersonal und in Wischproben nachgewiesen werden, erstaunt die Inaktivität seitens der Verantwortlichen umso mehr. Siehe Studie American Journal of Industrial Medicine 50:345–356 von 2007 „Pesticide Illness Among Flight Attendants Due to Aircraft Disinsection – Background”

Im Gegensatz zu der längst überfälligen Expositionsvermeidung seitens der Airlines, bezeichnet das BGA: „Die Symptome einer leichten und reversiblen akuten Intoxikation als Gebot, jede weitere Exposition zu vermeiden.“ (Zitat aus dem Gutachten von Prof. Dr. med. H. M.-Mohnssen)

Zeitzeugen der Kontamination an Bord von Flugzeugen aus Passagiersicht

In Kenntnis der Gefahrenignoranz seitens Verantwortlicher, meldete sich während des Frankfurter Kolloquiums auch der Rechtsanwalt B. Tamm zu Wort. Er las anonymisierte Briefe von Mandaten vor. Hierin beschrieben Passagiere die schockierenden Folgebeschwerden nach Exposition mit Giften (vermehrt Pestizide) an Bord von Flugzeugen. Der Rechtsanwalt berichtete über einen Rechtsstreit (Urteil Amtsgericht Frankfurt a. M. v. 04.12.08 /Az. 29 C 1524/08 –46), den er in eigener Person und Betroffenheit mit der Air France geführt hat. RA. B. Tamm erlitt Gesundheitsbeschwerden in Folge von Pestizidsprühungen während eines Auslandsfluges und hatte hiernach typische Vergiftungsfolgesymptome.

Es meldete sich daraufhin ebenfalls eine Dame, die schilderte, dass sie nach einem Flug Taubheitsgefühle im linken Arm erlitt. Diese anhaltenden Missempfindungen habe sie noch immer und nun erst sei ihr klarer, welche Ursache dies gehabt habe.

Wie steht es um die Möglichkeiten der gesundheitlichen Abklärung für Flugpersonal?

Da die umweltmedizinische Ausbildung von Medizinern vor Jahren eingestellt wurde (Nur rund 1,2 % aller Ärzte in der BRD sind lt. Bundesregierung in der Lage eine umweltmedizinische Diagnose zu stellen) und die an kompetenter Unterstützung interessierten, praktizierenden Umweltmediziner recht rar sind, ist man ggf. zwar auf angepasste toxikologische und umweltmedizinische Diagnostik- und Therapiemethoden angewiesen (Schadstoffmessung, immunologische Testungen, biochemische Auswertungen, SPECT, PET, Apharese, Entgiftungsmethoden usw.), jedoch wurden diese aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen gestrichen. Diese Misere führt willkürlich dazu, dass die oftmals überlebensnotwendigen Diagnostik- und Therapiemaßnahmen, seitens der Krankenkassen, nur noch sehr selten erstattet werden und in Folge viele finanziell schwache Vergiftungserkrankte schwer krank und auch hilflos bleiben.

Europaem Ärztekongress – „Wissenschaft trifft Praxis“

Die Notwendigkeit angepasster Unterstützungsmaßnahmen, für die Vielzahl von nach Hilfe suchenden Passagieren, Cockpit- und Kabinenbesatzungsmitgliedern, wurde auch auf dem Kongress der „European Academy for Environmental Medicine EUROPAEM“,  der sich speziell mit dem Thema der Neuro-Endokrino-Immunologie und der Bedeutung für die Umweltmedizin beschäftigte, offensichtlich.

Es trafen sich vom 23. - 25. April 2010 rund 200 internationale und namhafte Experten und  Wissenschaftler der Gebiete Umweltmedizin, Toxikologie, Immunologie, Neurologie und Humangenetik, praktizierende Ärzte und Zahnärzte, Angehörige anderer Heilberufe sowie Vertreter von Patienteninitiativen.

Zahlreiche Experten berichteten im Dialog über ihre Erfahrungen im Umgang mit Schadstofferkrankten des Flugbetriebes, bei denen sich wiederkehrend spezifische Schadstoffe wie z.B. Schwermetalle und Pestizide nachweisen lassen. Aufgrund der auffälligen Erkranktenquote, mit ähnlichem Symptombild, seien weitere Studien, Hilfsmaßnahmen und angepasste Schadstoffanalytik, sowie Ausleitungsverfahren unbedingt erforderlich.
Dass sich die Gifte und Strahlenbelastungen an Bord von Flugzeugen fatal auswirken, darin waren sich die Experten im Gespräch einig.

Tausende von Flugbegleitern, Piloten und Passagieren laufen ständig Gefahr, chronisch zu erkranken und ihren Beruf aufgeben zu müssen. Oftmals führt wiederholte Exposition zur Fluguntauglichkeit und Existenzbedrohung.


Am Ende des Ärztekongresses entschied man sich einstimmig, auf Initiative des Europaparlamentariers Jean Huss, den „Internationalen Appell von Würzburg“ zu lancieren.

Aus diesem geht unter Anderem hervor, dass die Teilnehmer mit großer Sorge feststellen, dass chronische Multisystemerkrankungen (CMI), zu denen neben den Krankheitsbildern Multiple Chemikalien Sensitivität (MCS), Chronisches Erschöpfungssyndrom (CFS) und Fibromyalgiesyndrom (FMS) auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, metabolisches Syndrom, neurodegenerative Krankheiten, Krebs und die Gruppe der Autoimmunopathien zählen, zunehmen. Außerdem beinhaltet der Appell die Aussage: „Auf dem Kongress konnte in eindrucksvoller Weise unter Beweis gestellt werden, dass diesen chronischen Krankheiten ähnliche Pathomechanismen zu Grunde liegen. Ihnen gemeinsam sind chronische Entzündungsprozesse, die von Umwelteinflüssen chemischer (Schadstoffe), biologischer (z.B. Infektionserreger) und physikalischer (z.B. elektromagnetische Felder EMF) Art ausgelöst werden. Chronische Erkrankungen bedingen Langzeitpatienten, deren medizinische Betreuung immer höhere Kosten verursacht. Dies führt häufig dazu, dass Betroffene sozial ausgegrenzt werden.“

Die Kongressteilnehmer richteten diesen dringlichen Appell unter Anderem an die Europäischen Umwelt- und Gesundheitsminister, an die europäische Kommission, an die Europäischen Parlamentarier und an die nationalen Regierungen.

„Dies bedeutet mehr Gewichtung und finanzielle Investitionen in Primärprävention, Vorsorge und möglichst frühzeitige Erkennung und Diagnostik dieser chronischen, letztlich umweltassoziierten Krankheiten zu tätigen.“

Link - PM: "Internationaler APPELL von Würzburg"  ^ pdf –> EUROPAEM -> News

Ob sich diese „Neverending-Story“ wohl schon bald zum Besseren wendet?


Von alleine wird sicherlich nichts geschehen und daher möchte ich hiermit noch einmal an Sie appellieren:
1. Seien Sie wachsam und passen Sie auf Ihre Gesundheit auf!
2. Melden Sie bitte jeglichen verdächtigen Vorfall (Schadstoffexpositionen / Fume-Events/ Pestizidvorkommen) an Ihre Crew (Cockpit) und fordern Sie eine Kopie des wichtigen Flightreports
3.) Die UFO e.V. (Unabhängige Flugbegleiter Organistation) & VC (Vereinigung Cockpit) ggf. auch/oder verdi sollten ebenfalls über Vergiftungs- und Rauchvorfälle an Bord eines Flugzeuges informiert werden (schriftlich und in Kopie für Sie)
4.) Für Flugunfälle (Betriebsstörungen während des Flugbetriebs) zuständige Behörden und Dienststellen sollten von den Reports nicht ausgenommen werden (LBA, BfU etc.)!
5.) Sollten bei Ihnen bereits gesundheitliche Beschwerden vorliegen und diese unmittelbar nach und / oder während eines Fluges eingetreten sein, setzen Sie sich bitte, zwecks gezielter Abklärung mit einem Arzt Ihres Vertrauens in Verbindung!

Falls Sie allgemein Hilfe & Rat benötigen und eine Abklärung zu einem Verdacht auf ein „Fume-Event“ oder einer anders gearteten Schadstoffexposition wünschen, melden Sie sich bei unserer Redaktion. Wir beantworten Ihnen Ihre Fragen und/oder nennen Ihnen adäquate Ansprechpartner.
 
Ich wünsche Ihnen allzeit beste Gesundheit und ein vorsorgeorientiertes Bewusstsein.

Quellen & Links zum Thema kontaminierte Kabinenluft:
Müller-Mohnssen, H; Hahn, K: Über eine Methode zur Früherkennung neurotoxischer Erkrankungen (am Beispiel der Pyrethroid-Intoxikation). Gesundh.-Wes. 57, 214-222 (April 1995)
Müller-Mohnssen, H. und HJ. Daheim.: Der "Wertewandel" im Arztberuf, am Beispiel der Insektizid-Intoxikation. In Pestizide und Gesundheit (W. Boedeker und C. Dümmler, Hrgb.), 229-273, 2. Auflg (1993). ISBN 9-7880-9860-0
Abou-Donia, M.B. KENNETH R. WILMARTH: Neurotoxicity resulting from coexposure to pyridostigmine bromid, DEET and Permethrin: Implications of gulf war chemical exposures. J. Toxicol. Environm. Health, 48, 35-56 (1996
Abou-Donia, M. Organophosphate ester induced chronic neurotoxicity (OPICN).    Contaminated Air Protection Conference: Proceedings of a Conference, held at Imperial College, London, 20-21 April 2005, Winder, C., editor, University of New South Wales, Sydney, 2005, pp 59-60.

 
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